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Kiefer entspannt – Körper im Lot

Wenn das Kauen oder schon das Sprechen zur Qual wird, ist häufig eine Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) schuld. Oft ist Stress ein Auslöser. Für den Behandlungserfolg ist der Blick auf die Ursachen der komplexen Beschwerden entscheidend. Einfache Übungen können helfen.

Ob ein trockener Brotkanten oder knallharte Nüsse – unser Kiefer schafft es locker, diese Nahrungsmittel zu zermalmen oder zu knacken, denn unsere vier Kaumuskeln haben dazu allemal die nötige Kraft. „Der Muskel Masseter, der am oberen Kieferknochen ansetzt, ist gemessen an seiner Größe der stärkste Muskel im ganzen Körper, sogar kräftiger als unser Oberschenkelmuskel“, sagt der Kölner Physiotherapeut und Kieferspezialist Ahmed Schmidt. Doch auch die anderen drei Kaumuskeln können aufgrund ihres kurzen Hebels einen enormen Biss entwickeln (siehe Infografik links). Wie jeder andere Muskel auch kann sich die Kiefermuskulatur verspannen und mehr oder minder starke Schmerzen verursachen.

Kiefermuskeln sind Stressmuskeln

Gerade weil unsere Kaumuskeln so leistungsstark sind, brauchen sie immer wieder lange Pausen. „Mehr als ein bis zwei Stunden sollten Menschen ihren Ober- und Unterkiefer nicht benutzen, denn sonst ist der Kauapparat schnell überlastet“, erklärt Schmidt. Schließlich müsse man bedenken, dass die Muskeln nicht nur beim Essen beansprucht werden, sondern auch beim Sprechen. Doch die Patienten, die zur Behandlung in Ahmed Schmidts Praxis kommen, sind in der Regel weder Daueresser noch Dauerredner. Vielmehr stehen viele von ihnen unter großem Druck – und der macht sich oft im Kiefer bemerkbar. „Die Kiefermuskeln reagieren sehr empfindlich auf Belastung, da diese Muskelgruppe und die dazugehörigen Faszien eng mit dem emotionalen Nervensystem verbunden sind. Das Zähneknirschen und Zusammenpressen der Zähne ist ein typischer Ausdruck von mentaler und/oder emotionaler Überforderung und fungiert als Stressventil für Aggressionen und Ängste“, erklärt der ganzheitlich arbeitende Physiotherapeut. Und weil der Stress in allen Lebensbereichen stark gestiegen ist, haben in den letzten Jahren Kiefer- und Kaumuskelschmerzen erheblich zugenommen.

Kaumuskeln dehnen und lösen

 

Setzen Sie sich auf einen Stuhl und legen Sie eine Hand an die Stirn, um die Kopfhaltung zu stabilisieren. Die andere legen Sie wie auf dem Foto zu sehen auf das Kinn. Öffnen Sie den Mund, indem Sie den Unterkiefer mit der unteren Hand nach unten ziehen. Kaumuskeln und Kiefergelenke bleiben bewusst entspannt. Position zehn bis 30 Sekunden halten, dann den Mund langsam schließen und der Dehnung nachspüren. Übung vier- bis sechsmal wiederholen.

Folgenreiche Störung im Kausystem

Verursacht das Kausystem – also Kiefergelenk und -muskeln sowie die daran beteiligten Faszien – über längere Zeit Probleme und Schmerzen, kann eine sogenannte Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) vorliegen. Während das lateinische Wort „Cranium“ Schädel bedeutet, besagt das Wort „mandibulär“, dass die Störung auf den Kiefer bezogen ist. Und Dysfunktion bezeichnet schlicht die Beeinträchtigung der Funktion.

Anfangs beruhen die Funktionsstörungen auf muskulären Verspannungen, denn das Zähneknirschen und Zusammenpressen der Zähne führt quasi zu andauerndem Muskelkater. „Bleiben die Beschwerden länger als vier Wochen unbehandelt und wird das Kiefersystem, also Muskeln, Faszien, Knochen und Gelenk permanent weiter überlastet, verschiebt sich das Kieferköpfchen immer weiter und rutscht schließlich aus der Gelenkpfanne“, erklärt Schmidt. Noch schneller entwickelt sich eine CMD, wenn Teile des Kopfgelenks bereits zuvor minimal verschoben sind oder Ober- und Unterbiss nicht optimal aufeinander stehen. Und das ist sehr häufig der Fall. Knackgeräusche seien ein typisches Indiz dafür, dass sich der Diskus nach vorn oder zur Seite verlagert hat, weiß der Kieferspezialist. Der Diskus ist ein Faserknorpel, der sich zwischen Kieferköpfchen und Pfanne befindet und sowohl rotierende als auch Gleitbewegungen ermöglicht.

Die Kiefergelenkstörung CMD kann sich schließlich auch auf andere Bereiche des Schädels auswirken. Neben Kiefer- und Zahnschmerzen kann es zu Kopfschmerzen sowie zu einer Überempfindlichkeit der Haut und Schwellungen im Gesicht kommen. Manche von CMD Betroffene bekommen Sehstörungen, andere hören plötzlich schlechter oder erleiden gar einen Ohrinfarkt (Tinnitus). Auch Schwindelattacken sind möglich.

Der Kölner Physiotherapeut Schmidt hat außerdem beobachtet, dass fast alle CMD-Patienten eine schlechte Haltung und Verspannungsschmerzen im Nacken- und Schulterbereich haben. Das ist nicht verwunderlich, denn direkt hinter dem Kiefergelenk setzen die Nackenmuskeln an. Streckt beispielsweise jemand seinen Kopf häufig wie ein Geier weit nach vorn, verkürzen sich auf Dauer die Nackenmuskeln und werden geschwächt. „Das Problem ist, dass eine schwache Nackenmuskulatur das Kiefergelenk nicht mehr ausreichend stabilisieren kann, weil es diesem keinen Widerstand mehr bietet“, erklärt die Kiefer-Expertin Heike Höfler in ihrem Buch „Der kleine Coach für Kiefer & Nacken“ (Trias Verlag).

Den kompletten, ausführlichen Beitrag mit vielen wissenswerten Hintergundinformationen lesen Sie in unserem Magazin natürlich gesund und munter 01/2024

 

Foto: © H. Münch / Thieme